Postwachstum | Post-Growth


Scroll down for English version


Warum Postwachstum?

Klimakrise, Artensterben, Wasser- und Luftverschmutzung, Ozeanversauerung, Ressourcenknappheiten, Bodenunfruchtbarkeit: Die ökologische Krise ist für viele Menschen bereits hier und heute Realität und bedroht direkt ihre Lebensgrundlagen.1 In der Realität gibt es allerdings auch eine soziale Krise: Nach wie vor lebt mehr als die Hälfte der Menschen global in Armut, nicht nur in Wirtschaftskrisen herrscht für viele Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und Existenzangst. Stress, Leistungs- und Zeitdruck sind an der Tagesordnung und dies alles während die Reichsten immer reicher werden.2

 

Diese beiden Krisen haben grosse Überschneidungen. Tatsächlich sind nicht nur die Verwundbarkeiten durch ökologische Krisen je nach vorhandenen Ressourcen sehr ungleich verteilt, sondern auch die Verantwortlichkeiten für diese. Die reichsten 10% sind global für bis zu 43% der Umweltbelastung verantwortlich, während die ärmsten 10% gerade einmal 5% beanspruchen, aber die höchste Verwundbarkeit haben.3 In dieser Situation wird von Regierungen weltweit ein „grünes“, „inklusives“ und „qualitatives“ Wirtschaftswachstum versprochen, welches gleichzeitig zu allgemeinem Reichtum und zu ökologischer Nachhaltigkeit führen soll. Es soll also Wachstum von Umweltschäden „entkoppelt“ und so Armut und Umweltkrisen überwunden werden.4 Genau hier setzt die Kritik von Postwachstum an.


Zu aller erst gibt es auch nach Jahrzehnten schöner Worte und technischen Fortschritts keinerlei empirische Hinweise darauf, dass sich Wirtschaftswachstum, gemessen durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP), im nötigen Mass von Umweltzerstörungen „entkoppeln“ lässt.5-7

© QuentinUK  -  wikipedia.org

Auch für die globale Armut ist mehr globales Wachstum keine Lösung, denn, abgesehen von den ökologischen Auswirkungen, wandert davon der grösste Teil in die Taschen von wohlhabenden Menschen: Die weltweit reichsten 1% haben zwischen 1980 und 2016 27% des Einkommenswachstums und 82% des Vermögenswachstums bekommen. Bei derzeitigen Raten würde es 100 Jahre dauern alle Menschen auf über 1.9$ pro Tag zu bringen und über 200 Jahre für 5$ pro Tag. Dafür müsste sich das globale BIP um das 15- bzw. 173-fache vergrössern.13


So oder so, es braucht eine Alternative die mit dem Wachstumsparadigma bricht, globale sozial-ökologische Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt und ein Wirtschaftssystem schafft, welches unabhängig von Wirtschaftswachstum ein gutes Leben für alle Menschen ermöglicht. Kurz: Es braucht Postwachstum.14





Zwar gibt es wenige, reiche Länder, die ihre Treibhausgasemissionen leicht senken konnten, während das BIP weiterwuchs, allerdings bleiben hier Emissionen der Luft- und Schifffahrt unberücksichtigt.8 Noch dazu zeigen diese Länder auch ein sehr langsames BIP-Wachstum, was die besagte Senkung deutlich erleichtert. Weiterhin bleiben diese Senkungen meilenweit von den Reduktionen die für die Einhaltung des 1.5°C-Ziels nötig wären entfernt. Schlussendlich gibt es gute Gründe anzunehmen, dass sich dies auch in Zukunft nicht im nötigen drastischen Mass ändern wird.6,7 Es gilt also, dass sich bei zunehmendem Wirtschaftswachstum die ökologische Krise nicht überwinden lässt, sondern nur noch vertieft. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass wenn die ökologischen Lebensgrundlagen erhalten werden sollen, auch ein sinkendes Wirtschaftswachstum zumindest in reichen Ländern in Kauf genommen und sich somit von Wachstumsparadigma verabschiedet werden muss.


Aber auch die soziale Krise lässt sich nicht durch noch mehr Wachstum lösen. In reichen Ländern trägt weiteres BIP-Wachstum bereits seit Jahrzehnten nicht mehr zur Steigerung des subjektiven Wohlbefindens bei.9 Mechanismen, die dies erklären umfassen Positions- und Gewöhnungskonsum.10 Einerseits vergleichen Menschen sich stark mit ihrem sozialen Umfeld. Wenn alle mehr konsumieren führt dies im Aggregat zu einem Nullsummenspiel in Bezug auf das Wohlbefinden. Andererseits gewöhnen Menschen sich schnell an neue Produkte oder mehr Lohn, wodurch positive Effekte schnell verfliegen. Aber auch bei objektiven Wohlstandsindikatoren, z. B. Lebenserwartung und Energieversorgung, zeigen sich stark abnehmende Zuwächse.11 Weiteres Wachstum ist demnach unnötig, um menschliche Bedürfnisse adäquat zu erfüllen bzw. könnten diese Bedürfnisse auch mit einem deutlich kleineren BIP erfüllt werden.11,12

Was ist Postwachstum?

Postwachstum (engl.: post-growth) ist ein Überbegriff für Gesellschaftsvisionen, die ein gutes Leben für alle anstreben, unabhängig vom Wirtschaftswachstum und unter Beachtung sozial-ökologischer Gerechtigkeit. Oft wird auch der englische Begriff «Degrowth» verwendet.


Da es viele verschiedene Auffassungen von Postwachstum gibt, versteht sich Post-Growth Zürich als Plattform für Diskussionen über die unterschiedlichen Visionen und Strategien.


What is post-growth?


Post-growth is an umbrella term for visions of society that strive for a good life for all, independent of economic growth and in consideration of socio-ecological justice. The English term "degrowth" is also used often.


Since there are many different understandings of post-growth, Post-Growth Zurich considers itself as a platform for discussions about the different visions and strategies.


© kamiel79 - pixabay.com

Climate crisis, species extinction, water and air pollution, ocean acidification, resource scarcity, soil infertility: the ecological crisis is already a reality for many people here and now and directly threatens their livelihoods.1 However, reality is also a social crisis: more than half of the world's people still live in poverty, and it is not only in economic crises that many people experience insecurity, unemployment and existential fear; stress, performance and time pressure are the order of the day, and all this while the richest are getting richer and richer.2  


These two crises have major overlaps: in fact, not only are the vulnerabilities caused by ecological crises very unequally distributed according to available resources, but also the responsibilities for them. The richest 10% are globally responsible for up to 43% of environmental damage, while the poorest 10% claim just 5% but have the highest vulnerability.3 In this situation, governments around the world are promising "green", "inclusive" and "qualitative" economic growth, which at the same time should lead to universal wealth and environmental sustainability. In other words, growth is to be "decoupled" from environmental damage, thus overcoming poverty and environmental crises.4

 

This is precisely where the criticism of postal growth comes in. First and foremost, even after decades of fine words and technical progress, there is no empirical evidence whatsoever that economic growth, measured in terms of gross domestic product (GDP), can be "decoupled" from environmental destruction to the necessary extent.5-7 Although there are a few rich countries that were able to slightly reduce their greenhouse gas emissions while GDP continued to grow, emissions from aviation and shipping are not taken into account here.8 Moreover, these countries are also showing very slow GDP growth, which makes the aforementioned reduction much easier. Furthermore, these reductions remain miles away from the reductions needed to meet the 1.5°C target. Finally, there are good reasons to assume that this will not change to the necessary drastic extent in the future either.6,7

It is therefore true that with increasing economic growth the ecological crisis cannot be overcome, but only deepened. Conversely, this means that if the ecological foundations of life are to be preserved, declining economic growth, at least in rich countries, must also be accepted and thus the growth paradigm must be abandoned.


But the social crisis cannot be solved by even more growth either. In rich countries, further GDP growth has not contributed to increasing subjective well-being for decades.9 Mechanisms that explain this include positional and habituation consumption.10 On the one hand, people compare themselves strongly with their social environment. If everyone consumes more, this leads to a zero-sum game in the aggregate with regard to well-being. On the other hand, people quickly get used to new products or higher wages, so positive effects quickly evaporate. However, objective indicators of prosperity, such as life expectancy and energy supply, also show sharply declining increases.11 Further growth is therefore unnecessary to adequately meet human needs, or these needs could also be met with a much smaller GDP.11,12 Nor is more global growth a solution to global poverty, because, apart from the environmental impact, most of it goes into the pockets of wealthy people: the world's richest 1% received 27% of income growth and 82% of wealth growth between 1980 and 2016. At current rates, it would take 100 years to get everyone over $1.9 a day and over 200 years to get everyone over $5 a day. This would require global GDP to grow 15 times and 173 times respectively.13


Either way, an alternative is needed that breaks with the growth paradigm, focuses on global socio-ecological justice and creates an economic system that enables a good life for all people regardless of economic growth. In short: It needs post-growth.14


Why Post-Growth?

Referenzen | References


  1. Steffen, W. et al. (2015). Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science 347, 1259855.
  2. Hickel, J. (2017). The Divide – A brief introduction to global inequality. London: Windmill Books.
  3. Teixidó-Figueras, J. et al. (2016). International inequality of environmental pressures: Decomposition and comparative analysis. Ecological Indicators 62, 163–173.
  4. UVEK. Grüne Wirtschaft. (n.d.) Grüne Wirtschaft https://www.uvek.admin.ch/uvek/de/home/umwelt/gruene-wirtschaft.html.
  5. Haberl, H. et al. (2020) A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part II: synthesizing the insights. Environmental Research Letter.
  6. Parrique, T. et al. (2019). Decoupling debunked: Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability. 41 eeb.org/library/decoupling-debunked.
  7. Hickel, J. & Kallis, G. (2019). Is Green Growth Possible? New Political Economy 0, 1–18.
  8. Le Quéré, C. et al. (2019). Drivers of declining CO2 emissions in 18 developed economies. Nature Climate Change 9, 213.
  9. Fanning, A. L. & O’Neill, D. W. (2019). The Wellbeing–Consumption paradox: Happiness, health, income, and carbon emissions in growing versus non-growing economies. Journal of Cleaner Production 212, 810–821.
  10. Petschow, U. et al. Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen: Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. 194 https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/vorsorgeorientierte-postwachstumsposition (2018).
  11. O’Neill, D. W. et al. (2018). A good life for all within planetary boundaries. Nature Sustainability 1, 88–95.
  12. Hickel, J. (2018). Is it possible to achieve a good life for all within planetary boundaries? Third World Quarterly 1–17.
  13. Alston, P. (2020). The parlous state of poverty eradication. Report of the Special Rapporteur on extreme poverty and human rights.
  14. Schmelzer, M. & Vetter, A. (2019). Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Junius: Hamburg.

 

Newsletter

* erforderlich / indicates required

Copyright © 2021 by Post-Growth Zürich

Social Media